Mythos 6: Der weibliche Orgasmus ist biologisch überflüssig
Eine Frau kann Nachwuchs in der Stärke einer Fussballmannschaft in die Welt setzen, ohne
jemals höchste erotische Wonnen genossen zu haben. Diese unfaire Einrichtung der Biologie
verleitete Wissenschaftler wie den Anthropologen Donald Symons zu der Vermutung, der
weibliche Orgasmus sei eigentlich sinnlos. Ein Zufallsprodukt der Evolution, überflüssig wie
ein Hühnerauge. Symons vergleicht die Klitoris mit den männlichen Brustwarzen – ein
funktionsloses Accessoire, das nur deshalb im Körper des Mannes mitgeschleppt wird, weil
es für Frauen so wichtig ist.
Tatsächlich entwickeln sich Klitoris und Penis beim Embryo aus dem gleichen Geschlechtshügel.
Das bedeutet: Unsere kleine Lustperle ist ein rudimentärer Schwanz. Aber damit keineswegs
sinnlos. Anders als Adams Nippel dient die Klitoris nicht nur der Zierde, sondern erfüllt
wichtige Funktionen. Weil sie uns den Sex aus vollen Zügen geniessen lässt, animiert sie uns
dazu, einen potenten Partner zwecks gegenseitiger Beglückung in unser Bett zu lassen. Wenn
Frauen keinen Spass am Sex hätten, wäre die Menschheit mit Sicherheit längst ausgestorben.
Dass sich der weibliche Orgasmus launischer aufführt als der männliche, könnte sich ebenfalls
vor Jahrtausenden durch Selektion entwickelt haben, vermutet die Anthropologin Helen Fisher.
Frauen erleben den Showdown am ehesten in entspannter Atmosphäre mit einem einfühlsamen
Mann, der aus dem Umstand, dass sie durchschnittlich 13 Minuten bis zum Gipfel braucht, er
hingegen nur 2,5, das Beste zu machen weiss. Vielleicht ist unsere kapriziöse Libido ein
Kompass, mit dessen Hilfe wir den "richtigen" Partner und potenziellen Vater unserer Kinder
vom ungeduldigen, groben, "falschen" Lover unterscheiden können.